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Entwicklungsspuren der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg, Diözesanverband Speyer (nach 1945)

Ende 40er Jahre/50er Jahre

Wiederaufbau des Jugendverbandes DPSG; hinsichtlich Ziele, Inhalte, Methoden, Strukturen und Begrifflichkeiten knüpfte die DPSG nahezu nahtlos an die Zeit vor dem Verbot durch die Nationalsozialisten an bzw. verband sie mit Erfahrungen einer aus dem Verbot der katholischen Jugendverbände resultierenden "Jugendarbeit in der Sakristei" (Klönne). Traditionen kirchlicher Jugendarbeit, ihre gesellschaftlich-historischen Zusammenhänge und ihre Probleme" (Klönne) blieben weitgehend undiskutiert. Erste einschneidende Veränderung: die Aufnahme von Frauen als Leiterinnen der Wölflingsstufe ("Akelas") im Jungenverband DPSG (1949). Dieter Bernhard, Ludwigshafen, über die Aufnahme von Akelas in der DPSG Ludwigshafen-Gartenstadt: "Das hat fürchterlich Trouble gegeben, weil es Leute gab, die Frauen als Leiterinnen ablehnten und welche, die das befürworteten; zum Teil waren sogar Eltern dagegen." Der Diözesanverband Speyer stellte mit Margot Schwarzschild, die als katholische "Halbjüdin" das berüchtigte Konzentrationslager Gours überlebte, die erste Diözesanreferentin der Wölflingsstufe in der DPSG.

60er Jahre

Strukturelle Erstarrung der Diözesanarbeit. Auffällig, dass beinahe ausschließlich "Traditions"-Veranstaltungen auf Diözesanebene stattfanden: regelmäßige und gut besuchte (Selbstverpflichtung) "Assistenten"-Kurse aller Stufen; regelmäßige "Exerzitien" und "Einkehrtage"; Diözesanlandestreffen zu Pfingsten und thematisch orientierte "Führertage"; die letztgenannten Treffen wurden genutzt, um neue pädagogische Vorstellungen zu entwickeln. Ein bedeutender Schwerpunkt der Diözesanarbeit lag auf "Stil und Kultur". Stagnierende bzw. leicht sinkende Mitgliederzahlen.

70er Jahre

Im Sog gesellschaftlicher Aufbruchstimmung veränderte die DPSG das Selbstverständnis des Verbandes und seines Standortes in der Gesellschaft und nahm eine kritische Überprüfung ihrer Traditionen vor. Mitglieder der Speyerer Diözesanleitung arbeiteten in Gremien auf Bundesebene an diesem Modernisierungsprozess mit, der in die Verabschiedung einer neuen Verbandsordnung im Jahr 1969 mündete. Konsequenzen: stark normierende Verhaltensrichtlinien wurden auf ihre Bedeutung und Aktualität hin überprüft und entweder abgeschafft (Probenordnungen) oder zu zeitgemäßeren Orientierungen verändert; so entstanden aus dem "Pfadfindergesetz" die "Leitlinien des Verbandes". Schaffung stärkerer, in Verbandsstrukturen und pädagogischen Konzeptionen verankerte Mitbestimmungsmöglichkeiten; Entdeckung neuer, insbesondere gruppendynamisch und projektorientierter Methoden; "Entdeckung" der "selbstreflektierten Gruppe"; verhaltene gesellschaftskritische Stellungnahmen und Aktionen; Neubezeichnungen (z. B. aus "Gau" wurde "Bezirk", aus "Thing" wurde "Versammlung", aus "Stand" "Altersstufe",...).
Aufgrund des gesellschaftlichen Umbruchs und der Entwicklungen verbandlicher Praxis kamen in den sechziger Jahren immer mehr Mädchen und Frauen zur DPSG. 1971 öffnete sich der Jungenverband DPSG auch für Mädchen und entwickelte sich zu einem gemischtgeschlechtlichen Jugendverband. Mit der Neuorientierung des Verbandes und der Aufnahme von Mädchen und Frauen verzeichnete der Diözesanverband kräftig steigende Mitgliederzahlen (1969: 1.060 Mitglieder, 1976: 1.520 Mitglieder). "Jedoch entsprechen weder der Ausbildungsstand der Leitungskräfte, noch die pädagogische und politische Arbeit diesem zahlenmäßigen Aufschwung. Ebenso liegen die strukturellen Bedingungen für die zu leistende Jugendarbeit in weiten Bereichen des Diözesanverbandes im Argen." (Bericht der Diözesanleitung zur Diözesanversammlung 1975 der DPSG, DV Speyer, S. 2). Im spirituellen Bereich zeigte sich, dass herkömmliche Glaubensseminare kaum mehr von den LeiterInnen angenommen werden (z. B.: 6 TeilnehmerInnen WE 22./23.02.75, keine Anmeldung 24./25.05.75).

Mitte der 70er/80er Jahre

Mitte der 70er Jahre Stufenunternehmen mit dem Ziel intensiverer verbandlicher Vernetzung, so z. B. das Regionalunternehmen der Roverstufe" 1974 in Ludwigshafen, "Kieselstein-Treffen", oder das "Hallo Freunde-Diözesanlager" der Jungpfadfinderstufe 1975. Öffnung des Verbandes in Richtung gesellschaftspolitisches Engagement ("Asphaltunternehmen"), Bürgerbewegungen (Friedensbewegung, Ökologiebewegung, Bürgerrechtsbewegung, "Eine Welt"), Ausdruck eines innerverbandlichen Demokratisierungsprozesses, richtungsweisendes verbandliches Unternehmen: Bundesunternehmen Pfadfinderstufe "Unternehmen Straße" 1973 - 1975 ("Kongress Straße 1974"), an dem auch Speyerer DPSG-Mitglieder teilnahmen. "Straße" stand für "in-sein", für "Wo was los ist", für "Wo man sich trifft" (DPSG, DV Speyer: Informationen, H. 12/75, S. 4).
Die innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft sehr kontroversen und konflikthaften Haltungen und Positionen zu den Themen der "neuen Bewegungen" spiegelten sich in entsprechenden heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der DPSG, auch im Diözesanverband Speyer. Reibungen gab es u. a. an der Arbeit des Facharbeitskreises Frieden, am umweltpolitischen Leiterunternehmen, so bei "Laterna Magica I - Mensch und Umwelt". Aus der Suche nach neuen Wegen spiritueller Erfahrungen gingen die "Route Spirituelles", die Feier der Kartage im Unterwegs-Sein hervor, die, teils in Kooperation mit Nachbardiözesen, bis heute durchgeführt werden.

Ende 80er/Anfang 90er Jahre

Entwicklung neuer Perspektiven, in denen die DPSG die Grundprinzipien des Pfadfindertums auf die aktuelle gesellschaftliche Situation bezog und für die vier Altersstufen neu beschrieb. Diese breit geführte Selbstverständnisdiskussion fand ihren vorläufigen Abschluss in der Verabschiedung einer neuen Verbandsordnung 1987. Speyerer DPSG-Mitglieder mischten auch in dieser Debatte und bei der Suche nach den entsprechenden Handlungskonsequenzen mit. Die daraus hervorgehenden Impulse strahlten wiederum in die Stufenarbeit des Diözesanverbandes hinein. Einige Beispiele: Mädchen und Frauen bekräftigten ihre Ansprüche auf Gleichberechtigung. Diese Bestrebungen bewirkten u. a. die Einrichtung eines Facharbeitskreises Mädchen und Frauen im Diözesanverband.
Beeinflusst von animativen pädagogischen Handlungskonzepten, die von Bundesebene in enger Zusammenarbeit mit den Diözesanarbeitskreisen erarbeitet wurden, entstanden "La Vie différante", LeiterInnenunternehmen des Diözesanarbeitskreises Wölflingsstufe in Südfrankreich 1994, das "Basiscamp Mitte" beim Bundesunternehmen der Pfadfinderstufe "Wilder Sommer '92" in Waldhambach, die Regionalunternehmen "Karawane '95" (Pfadfinderstufe) und "Kulturschock '95" (Roverstufe) mit dem Ziel, dass Kinder, Jugendliche und LeiterInnen mehr Erfahrungen eines eigenen geglückten Lebens machen und somit die pädagogischen Stufenorientierungen deutlicher (er-)leben. Deutlichere Akzentuierungen auf Mitbestimmungs- und Autonomierechte und -chancen von Kindern und Jugendlichen spiegelten sich in den eben genannten Unternehmen. Sie fanden aber auch als ausdrückliches Thema Eingang in die Diöesanarbeit, so u. a. in die Wölflingsstufe beim "Diözesankindergipfel 1993" oder jüngst beim "Kinderförderpreis".

Mitte der 90er Jahre bis heute

Akzentuierte Schwerpunktsetzung auf den Bereich des politischen Handelns, im Gesamtverband mit der Kampagne "Tu es jetzt!" (1996/97), deren Höhepunkt das Bundes-LeiterInnentreffen "Power im Park" in Duisburg 1997 war. Aus diesen Erfahrungen und basierend auf den inhaltlichen Grundlagen des jugendpolitischen Manifestes des BDKJ-Bundesverbandes entstand auf Diözesanebene die Kampagne "Power auf der Straße" (1998/99) mit der Auftaktveranstaltung "Klipp und klar" (1998) auf dem Hambacher Schloß. Ihr Ziel war es, die gesellschaftspolitische Dimension des Pfadfindertums stärker ins Bewußtsein der Mitglieder zu bringen und zum eigenen Handeln zu animieren.
Ausgehend von den Ergebnissen der jüngsten Shell-Jugendstudien nahm die DPSG um die Jahrtausendwende die Frage nach seiner Zukunftsfähigkeit als katholischem Jugendverband vor dem Hintergrund erodierender katholischer Milieus und dem (vermeintlichen?) Niedergang verbandlicher Jugendarbeit zum Anlaß für die Initiierung des bundesweiten Perspektivprozesses "update". In diesem Prozess ging es um die Fragen: Wo stehen wir als DPSG? Wo liegen die Probleme? Wo wollen wir hin?
Einen wichtigen Eckpunkt innerhalb von "update" bildete der LeiterInnenkongress "up2date" in Westernohe im Mai 2003. Rund 3500 Leiterinnen und Leiter konnten dabei über die unterschiedlichsten Themen in der DPSG diskutieren und über verschiedene Leitanträge und Positionen abstimmen. Auf den nachfolgenden Bundesversammlungen wurden die Ergebnisse von "update" und "up2date" nach und nach in Beschlüsse umgesetzt.
Unter den Neuerungen ragt vor allem das neue bundeseinheitliche Ausbildungskonzept (das auch in unserem Diözesanverband mittlerweile eingeführt wurde) sowie die neue Ordnung der DPSG hervor. Diese wurde am 07.05.2005 auf der 68. Bundesversammlung beschlossen.

   
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